Wir tun jetzt einfach mal so, als hätte ich nicht schon wieder Monate ins Land ziehen lassen, ohne etwas zu schreiben.
Heute reden wir mal über den Mythos der japanischen Höflichkeit.
Ich habe schon des öfteren angesprochen, dass Service hierzulande ganz anders aussieht. Es wird grundsätzlich der bestmögliche Service geboten, ohne dass irgendjemand Trinkgeld erwartet. Gibt man welches, kommt die Bedienung höchstwahrscheinlich nochmal, um dir das Restgeld zurückzugeben. Angestellte werden sich verbiegen, um dir das Einkaufserlebnis so angenehm wie nur möglich zu machen. Im kleinen Laden um die Ecke steht ein Kunde vor dir an der Kasse? Selbstverständlich wird sofort ein Angestellter zur anderen Kasse eilen, damit du nicht 20 Sekunden warten musst.
In größeren Geschäften geht das natürlich nicht, aber auch dort findet man in der Regel mehr Angestellte als Kunden, damit auch jeder Wunsch sofort erfüllt werden kann. Wir waren neulich Kissen kaufen. Ich schaue mich noch ein bisschen um, mit zwei (nicht sonderlich großen) Kissen im Arm. Eine Angestellte kommt zu mir und bittet mich, ihr die Kissen zu geben. Mir ist nicht ganz klar, warum, bis mir meine Freundin erklärt, dass die Kissen an der Kasse auf uns warten werden, und die Dame mir lediglich die schwere Last abnehmen wollte, damit ich unbeschwert weiter einkaufen kann.
Es ist nicht nur Freundlichkeit, sondern manchmal auch ein bisschen Unterwürfigkeit. In manch traditionellem Lokal ist es üblich, dass die Bedienung sich an den Tisch kniet, um die Bestellung aufzunehmen. Damit sie nicht auf die Gäste herabsieht. Das ist durchaus gewöhnungsbedürftig.
Es ist abends, gegen 9. Auf dem Weg ins Kino.
Die Untergeschosse und Hochhäuser mit ihren unzähligen Winkeln und Wegweisern sind wahrlich nicht einfach zu navigieren. Irgendwo muss der Aufzug sein, der mich ins Lichtspielhaus bringen kann. Nur wo…
Da! Ein Schild! Nach links. Okay. Das ist eins der vornehmeren Geschäfte. Sie schließen gerade, aber noch ist es offen. Bevor ich drum herum irre, gehe ich wohl besser direkt durch den Laden. Weniger Risiko, sich zu verlaufen.
Keine Kunden mehr, nur noch Angestellte. Aber irgendwas stimmt hier nicht. Ausser der leise vor sich hin plätschernden Musik ist kein Ton zu vernehmen. Es ist still, zu still. Und niemand bewegt sich. Die Angestellten stehen am selben Fleck, mit einem eingefrorenen Lächeln im Gesicht. Fast so, als wären sie Wachsfiguren.
Als ich an der ersten vorbeigehe, bewegt sie sich plötzlich. Sie verbeugt sich tief, und bedankt sich. Nur um dann in ihre Ausgangsposition zurückzukehren und ins Leere zu starren. Und der nächste tut es ihr gleich. Ich laufe durch die Gänge und habe das Gefühl, von Robotern umgeben zu sein, die mich zwar anlächeln, aber nicht wirklich wahrnehmen. Mir wird ein wenig anders, aber ich muss tapfer sein. Ich will schließlich in den Aufzug.
Die Schauer, die über meinen Rücken laufen, hören erst auf, nachdem sich die Türen geschlossen haben.
Die Verbeugungen sind einer der Gründe, warum ich ‘Mythos’ geschrieben habe. In älteren Firmen im Wirftschafts- und Dienstleistungsbereich ist es teilweise noch üblich, und wenn man Senioren sieht, deren Rücken zu mehr als 45 Grad krumm ist, könnte man meinen, dass sie in ihrem gesamten Leben nichts anderes getan haben, aber im Großen und Ganzen ist es weniger und weniger Brauch.
Und wenn man den Geschäftsbereich verlässt, sieht das Bild gleich ganz anders aus: Unter Freunden verhält es sich eigentlich genau wie im Westen, zumindest bei den jüngeren Generationen. Da werden teilweise Beleidigungen an Köpfe geworfen, für die bei uns zuhaus totale Gleichgültigkeit oder extrem innige Freundschaft Voraussetzung wären.
Nur beim Abschied krisallieren sich wieder Unterschiede heraus: Körperkontakt wird in der Regel gemieden, statt Umarmung oder Händedruck wird gewunken. Mag hygienischer sein, fühlt sich aber so formell an.
Auch allgemein sind viele im Alltag weniger die höflichen Stereotypen, wie man sie im Ausland sieht: da wird schon mal direkt am Bahnhofsausgang an die Straße gepisst, oder im Zug lautstark über den letzten Nuttenbesuch geredet. Oder ein Pärchen als Perverse beschimpft, weil sie es wagen, sich in der Öffentlichkeit zu küssen.
Letztendlich muss ich sagen, dass ich die Bequemlichkeit hier doch sehr schätze. Allerdings kann das auch daran liegen, dass ich (weißer) Ausländer bin. Viele Japaner legen enormen Wert auf Konversation mit Amerikanern oder Europäern, sodass mein Eindruck wohl ein wenig verzerrt ist. Einige der Menschen, mit denen ich rede, sind der Meinung, dass die Japaner gar nicht so höflich sind. Wobei man hierbei wiederum anmerken muss, dass diese Leute die japanische Kultur gewöhnt sind, und es beispielsweise für sehr unhöflich halten, wenn man seine Nachbarn, die um 4 Uhr morgens noch ordentlich Lärm machen, auffordert, doch bitte ruhiger zu sein.
