05:30 Uhr.
Der Wecker klingelt. Es ist dunkel draussen. Aber die Arbeit ruft. Flyer verteilen während des morgendlichen Berufsverkehrs. Eine Arbeit, die nicht sonderlich schwer ist, aber schwere psychologische Traumata mit sich bringt. Jedesmal, wenn jemand an mir vorbeiläuft und auf mein “Guten Morgen” nicht mal ansatzweise reagiert, stirbt ein kleiner Teil meiner Seele. Ich bin ein Mensch! Habe ich es nicht verdient, dass andere wenigstens meine Existenz anerkennen?
Seit ich am eigenen Leib erfahre, wie sich das anfühlt, bemühe ich mich grundsätzlich, immer, wenn ich an anderen Verteilern vorbeilaufe und ihnen nichts abnehme, sie zumindest anzulächeln und “sumimasen” (das ultimative Universalwort Japans) zu sagen.
Aber bevor das alles passiert, besorge ich mir erstmal einen Kaffee. Und trage dann Ewigkeiten die Pappe durch die Gegend, bis ich endlich einen Mülleimer finden kann. Scheinbar gab es vor einiger Zeit deutlich mehr von ihnen, aber aufgrund der Furcht vor Terroranschlägen wurde ein Großteil der öffentlichen Mülleimer schlicht und einfach entfernt. Ein wenig paranoid vielleicht, wenn man bedenkt, dass Japan das mit Abstand sicherste Land auf der ganzen Welt sein dürfte. Es ist beinahe surreal. Ich könnte meine Tasche an der Straßenecke stehen lassen, 2 Stunden essen gehen, und mir sicher sein, dass sie danach immer noch am exakt selben Platz zu finden sein wird.
Um 9 ist dann auch schon der erste Feierabend des Tages! Wenn der Tag schön ist, steige ich eine Station früher aus als nötig und laufe den Rest des Weges zurück zu meinem Guesthouse. Und komme an dem Frisör vorbei, an dessen Front stolz die Worte “A light source emanates from you” prangen. Ich vermute mal, dass da jemand ein Kompliment wie “du strahlst vor Schönheit” gehört, ins japanische übersetzt und dann per Fachwörterlexikon wieder zurück ins englische gebracht hat. Ist aber auf jeden Fall ein großartiges Kompliment für eine Glühbirne!
Erstmal frühstücken. Und in der Gemeinschaftsküche japanisches Fernsehen gucken. Da könnten sich andere Länder einige Scheiben abschneiden. Alles bunt, es wird gelacht, gesungen, getanzt – und das ist nur die Werbung. Man kriegt sofort gute Laune, selbst (oder gerade deshalb?), wenn man nicht genau weiß, was da eigentlich passiert.
So wie hier: http://www.youtube.com/watch?v=YuFIsKjDBxM
Sie können aber durchaus auch ernst: http://www.youtube.com/watch?v=K-Rs6YEZAt8
Oder vollkommen wahnsinnig: http://www.youtube.com/watch?v=983_qqatdTQ
Nachmittags geht’s ins Cafe, wo ich dafür bezahlt werde, auf einer Couch zu sitzen und mich mit Leuten auf englisch zu unterhalten. Man trifft eine Menge interessante Leute und erfährt so einiges über ihr Weltbild. Deutschland beispielsweise besteht hauptsächlich aus Bier, Würsten, Kartoffeln, Oktoberfest, Neuschwanstein und… Düsseldorf. Nicht die geringste Ahnung, warum, aber wirklich viele kennen Düsseldorf.
Und hin und wieder kommen dann auch Leute, die einen so richtig überraschen, wie der ältere Herr, der tatsächlich sämtliche Bundeskanzler der Geschichte Deutschlands in korrekter chronologischer Reihenfolge nennen konnte.
Nach der Arbeit kann man mit den Kollegen was trinken, wie sich das in diesem Land so gehört, aber man muss natürlich aufpassen, wann der letzte Zug fährt. In meinem Fall wäre das 11:40 (der nächste Zug ist dann der erste des darauffolgenden Tages, um halb 6). Verpasst man diesen Zug, hat man also die Wahl, auf der Straße zu schlafen, ein Taxi zu nehmen, dass so viel kostet wie zwei, drei Luxusyachten, oder zu laufen. Der Abstand zwischen Stationen ist allerdings sehr trügerisch, und nach dem 2 1/2-stündigen Marsch vom letzten Mal habe ich mir angewöhnt, viel auf die Uhr zu schauen.
Aber hey, zumindest fahren sie pünktlich.
Großartig, dude !
Ich krieg auch wieder fernweh, wenn ich das höre.
Und das mit den Flyern kenn ich, ich bin viel netter zu diesen Menschen seit ich bei Jägermeister war …ein kleiner Teil meiner Seele ist noch immer dort…
Nice!
Mehr!
juhuuu endlich wieder was neues
. Gut, dann bessere ich mich und sag morgen zu dem Flyermenschen mal “sumimasen”. Das mit dem Weltbild kenne ich…nur hier taucht Neuschwanstein & Düsseldorf nicht auf, dafür Infineon und München.
http://de.wikipedia.org/wiki/Japaner_in_D%C3%BCsseldorf
Jau, wie siehts aus? Bist Du Mitte Dezember “in der Gegend”?
Komme ja für etwa zwei Wochen vorbei.
Meld Dich dann mal